Winter, Weihnacht, wilde Nächte: Stadtführung zu Brauchtum und Volksglaube in der Weihnachtszeit

Wenn nachts ein eisiger Wind von den Mauern des Kirchenhügels durch die Gassen der Waiblinger Altstadt fegt und der Wode sich aufmacht, über die Felder zu ziehen …

Weihnachtsführung für Erwachsene und Kinder ab 8 Jahren in die sagenumwobene Welt der „Zwölften“: Die 12 langen, kalten, Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönigstag sind von Alters her die Zeit des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gut und Böse. Eingewoben in die mittelalterliche Szenerie zwischen Michaelskirche, Nonnenkirchle und Nikolauskirche tauchen geheimnisvolle Figuren und Geschichten aus alten Zeiten auf und bieten einen kurzweiligen Einblick in alten Aberglauben, Waiblinger Stadtgeschichte, traditionelle Märchen- und Sagenwelten und regionales Brauchtum in der magischen Zeit um die Wintersonnenwende.

Die hohe Zeit des Aberglaubens: „Winter, Weihnacht, wilde Nächte“
Stadtrundgang am 22.12.2019 und 26.12.2019, jeweils um 15:30 Uhr
Tickets über WTM Waiblingen

Pressestimmen: „Die hohe Zeit des Aberglaubens“

Die Waiblinger Rauhnächteführung in Buchform: „Winter, Weihnacht, wilde Nächte“ erhältlich beim Verlag Iris Förster

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Zwölf wilde Nächte Vol. 11

Ende und Anfang

In der Nacht des 5. Januar, dem zwölften Tag nach dem 24. Dezember, enden die Raunächte. Lange Zeit galt diese Nacht als das eigentliche Ende des alten Jahres. Vorbei sind die gefährlichen Zwölften, der Wilden Jagd geht die Luft aus, das Muetesheer bäumt sich ein letztes Mal auf bevor es davonzieht und, so Gott will, erst in den nächsten Raunächten zurückkehrt. Langsam und zaghaft, aber doch unaufhaltsam formiert sich die Natur zum Aufbruch ins Frühjahr.

In dieser Nacht traten häufig besonders gefährliche Geister auf. So wird berichtet, dass an der Straße nach Weilheim in dieser Nacht des öfteren ein Kampf von bösen Geistern sich zutrug. Mit Lichtern haben die Geister aufeinander eingeschlagen. „Du bist schuldig, du hast verlangt!“ hat der eine gerufen. Der andere sang „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Wer in dieser Nacht auf dieser Straße ging und ein Licht bei sich trug, dem wurde das Licht ausgelöscht. Erst wenn man die gefährliche Stelle weit hinter sich gelassen hatte ging das Licht von ganz alleine wieder an.

Im Oberland, das früher auch ‚Schwäbisch Österreich‘ genannt wurde, verbreiten an diesem Abend die ‚Perchten‘, grausig verkleidete und maskierte junge unverheiratete Männer, Angst und Schrecken. Lärmend zogen sie durch die Gegend um die Natur aufzuwecken, damit sich die Saat rechtzeitig auf das Frühjahr vorbereiten konnte. Wem sie ins Haus kamen, der musste die übellaunigen Gestalten mit reichlich Schnaps gnädig stimmen. Den Perchtenläufen setzte das Christentum bereits im Mittelalter die Dreikönigsaufzüge entgegen, in neuerer Zeit kam das Dreikönigssingen hinzu.

Eine in dieser Nacht geräucherte Kopfbedeckung hilft gegen Kopfweh.

Der alte Brauch des ‚Stärk’ antrinken‘ findet zu Beginn des neuen Jahres, oft am Vorabend des 6. Januar statt. Niemand weiß, was das neue Jahr bringen mag, deshalb gilt es, sich gegen alle möglichen Widrigkeiten zu wappnen. Dazu trinkt man sich im Kreise von Familie oder Freunden Kraft und Gesundheit – die ‚Stärk‘ – an. Gefeiert wird mancherorts zu Hause, mancherorts in Gaststätten. Viele Brauereien unterstützen den Brauch mit einem speziellen Starkbier, das für das ‚Stärk’ antrinken‘ besonders geeignet sein soll.

Einmal soll eine alte Frau mit einem ihrer Enkelkinder über einen einsamen Weg zum Markt gelaufen sein. Als sie auf dem Rückweg durch einen Wald gingen, da kamen zwei unheimliche Gesellen hinter ihnen drein. Die Großmutter und das Kind ängstigten sich und deswegen wollten sie die beiden Männer an sich vorbeiziehen und vorausgehen lassen. Sie setzten sich auf einen Stein am Wegesrand und warteten. Aber die beiden Gestalten wichen nicht. Plötzlich hörten sie eine wunderbare Musik in der Luft und das Muetesheer zog über sie hinweg. Als die beiden Burschen das hörten, liefen sie voll Angst den Berg hinunter, zurück in die Stadt. Die Großmutter und ihr Kind gingen dankbar und erleichterten Herzens nach Hause und kamen dort glücklich an.

Der Dreikönigswind ist der segensreichste, ihm werden um Mitternacht Türen und Fenster geöffnet damit er Glück ins Haus bringe.

Hier endet unser Bericht über die zwölf wilden Nächte. Morgen, am Dreikönigstag, dem ‚Öbersten‘ wie er gemeinhin genannt wurde, endet in den protestantischen Landesteilen Südwestdeutschlands die geheimnisvolle, legendenumwobene und mystische Zeit des Jahreswechsels. Es beginnen die ausgelassenen Fasnetstage – aber das ist eine andere Geschichte …

Beitragsbild: Gisela Pfohl, aus ‘Geister, Trolle, Totenköpfe’, Verlag Iris Förster

Zwölf wilde Nächte Vol. 10

Neujahr

Am Neujahrsmorgen gab’s das ‚Ansingen‘. Kinder und bedürftige arme Leute wurden beim Pfarrer, Schultheiß oder Lehrer vorstellig und baten um Geschenke. Sie zogen am ‚Betteltag‘, wie der Neujahrstag auch genannt wurde, von Haus zu Haus, sangen, ‚klopften‘ oder wünschten das neue Jahr an und erwarben sich dadurch ein kleines Zubrot.

I ben a kloiner Ma‘,
i wünsch, was ich ka‘,
viel Glück, viel Heil, viel Sega,
mag Euch dr Höchste geba.
Prosit! Zom neua Johr

Heut ist der erste Januar,
ein Wünschlein möcht‘ ich bringen dar:
Gott woll‘ uns miteinander geben,
ein fröhlich und gedeihlich Leben.
Ein Leben voll Zufriedenheit,
ein Leben zu andrer Nutz und Freud!
Zur Arbeit geb‘ er das Gelingen,
zu Unrecht mutiges Bezwingen,
getrostes Herz und frischen Blick
und, wie Gott will, so viel an Glück!
(Amlishagen)

Verbreitet war auch das morgendliche ‚Neujahrsschießen‘, bei dem insbesondere die jungen Burschen ihren Schatz beeindrucken wollten. So rief man zuerst einen Neujahrsgruß zum Fenster hinauf, und kam dann von oben eine zarte Antwort, dann knallte der Schuss. Wenn das Mädchen dem Burschen besonders hold war, dann durfte der anschließend sogar auf eine Brezel, einen Most oder ein Glas ‚Schusswein‘ ins Haus kommen.

Wem am Neujahrsmorgen ein altes Weib zuerst durch die Türe kommt, dem gehen die Geschäfte im ganzen Jahr schlecht, geht aber eine hübsche junge Frau zuerst hindurch, so wird’s ein erfolgreiches Jahr.

Wie Neujahr so das ganze Jahr. Schlägt man sich an Neujahr den Kopf an und bekommt eine Beule, dann bringt das Unglück für das ganze Jahr. Wer früh aufsteht, ist das ganze Jahr früh dran, wer lang schläft, verschläft den Rest des Jahres. 

Klopft man am Neujahrsmorgen an den Hühnerstall und antwortet der Hahn, so bekommt die Jungfer übers Jahr einen Mann. Antwortet die Henne, so bleibt sie ledig …

 

Beitragsbild: Gisela Pfohl, aus ‘Geister, Trolle, Totenköpfe’, Verlag Iris Förster