Zwölf wilde Nächte Vol. 10

Neujahr

Am Neujahrsmorgen gab’s das ‚Ansingen‘. Kinder und bedürftige arme Leute wurden beim Pfarrer, Schultheiß oder Lehrer vorstellig und baten um Geschenke. Sie zogen am ‚Betteltag‘, wie der Neujahrstag auch genannt wurde, von Haus zu Haus, sangen, ‚klopften‘ oder wünschten das neue Jahr an und erwarben sich dadurch ein kleines Zubrot.

I ben a kloiner Ma‘,
i wünsch, was ich ka‘,
viel Glück, viel Heil, viel Sega,
mag Euch dr Höchste geba.
Prosit! Zom neua Johr

Heut ist der erste Januar,
ein Wünschlein möcht‘ ich bringen dar:
Gott woll‘ uns miteinander geben,
ein fröhlich und gedeihlich Leben.
Ein Leben voll Zufriedenheit,
ein Leben zu andrer Nutz und Freud!
Zur Arbeit geb‘ er das Gelingen,
zu Unrecht mutiges Bezwingen,
getrostes Herz und frischen Blick
und, wie Gott will, so viel an Glück!
(Amlishagen)

Verbreitet war auch das morgendliche ‚Neujahrsschießen‘, bei dem insbesondere die jungen Burschen ihren Schatz beeindrucken wollten. So rief man zuerst einen Neujahrsgruß zum Fenster hinauf, und kam dann von oben eine zarte Antwort, dann knallte der Schuss. Wenn das Mädchen dem Burschen besonders hold war, dann durfte der anschließend sogar auf eine Brezel, einen Most oder ein Glas ‚Schusswein‘ ins Haus kommen.

Wem am Neujahrsmorgen ein altes Weib zuerst durch die Türe kommt, dem gehen die Geschäfte im ganzen Jahr schlecht, geht aber eine hübsche junge Frau zuerst hindurch, so wird’s ein erfolgreiches Jahr.

Wie Neujahr so das ganze Jahr. Schlägt man sich an Neujahr den Kopf an und bekommt eine Beule, dann bringt das Unglück für das ganze Jahr. Wer früh aufsteht, ist das ganze Jahr früh dran, wer lang schläft, verschläft den Rest des Jahres. 

Klopft man am Neujahrsmorgen an den Hühnerstall und antwortet der Hahn, so bekommt die Jungfer übers Jahr einen Mann. Antwortet die Henne, so bleibt sie ledig …

 

Beitragsbild: Gisela Pfohl, aus ‘Geister, Trolle, Totenköpfe’, Verlag Iris Förster

 

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Zwölf wilde Nächte Vol. 9

Altjahrsabend

Der letzte Abend des scheidenden Jahres, auch ‚Altjahrsabend‘ genannt, wird erst mit der Gregorianischen Kalenderreform im Jahre 1582 auf den 31. Dezember festgelegt. Davor wurde der Jahreswechsel teils am 24. Dezember, teils am 6. Januar, oder, nach Römischer Tradition, teils auch am 1. März gefeiert. Traditionelle Feuer- und Lärmfeste zu diesem Anlass haben allerdings noch viel ältere, germanische, Wurzeln. Der Namenspatron des Tages, Papst Silvester I., der die erste christliche Kirche über dem Petrusgrab in Rom erbauen ließ und am 31. Dezember des Jahres 335 starb, galt lange als Begründer des katholischen Kirchenstaates auf Grundlage der ‚Konstantinischen Schenkung‘. Mittlerweile wurde dieses Dokument zwar als dreiste mittelalterliche Fälschung entlarft, das tat dem Ansehen Silvesters allerdings keinen Abbruch, wird doch im Angedenken an seinen Tod bis heute die Nacht des 31. Dezembers gemeinhin als ‚Silvesternacht‘ bezeichnet.

Besonders bös treiben es die Gestalten der Wilden Jagd, des Wodansheeres, am Altjahrsabend. Wer sie trifft muss sich flach auf den Boden werfen und darf die Gestalten keinesfalls durch Anrufen reizen. Dann tun sie einem nichts.

Auf der Schwäbischen Alb ist es einem Mann, der meinte besonders mutig sein zu müssen, einmal böse ergangen. Er warf sich nicht zu Boden und wurde vom Wodansheer mitgeführt. Er kam in einen großen, herrlichen Saal mit Musik und vielen Leuten. Er erhielt dort ein Flötlein, ganz aus Silber getrieben, und konnte dieses ohne weiteres spielen. Das Fest dauerte lange. Mit dem Läuten der Morgenglocke verschwand aber alles. Der Mann erwachte mitten in der Nacht in einem feuchten Moos, und als er nach dem silbernen Flötlein schaute, da fand er einen Katzenschwanz in seiner Hand. Erst nach langer Wanderung fand er wieder nach Hause. 

Um böse Geister zu vertreiben und das Brunnenwasser übers Jahr sauber und gesund zu halten, wurden früher am Altjahrsabend über Brunnen Böllerschüsse abgefeuert. Aus dem gleichen Grund schoss man auch in Obstbäume und feuerte gleich noch einen Schuss an jeder Hausecke ab. Das Schießen weckte die Saaten und vertrieb böse Geister. 

Wer in der Neujahrsnacht gelbe Rüben isst, dem geht das Geld im neuen Jahr nicht aus. Wer aber Erbsen oder andere Hülsenfrüchte isst, der bekommt Ungeziefer.

Zu Silvester haben die toten Seelen Erlaubnis, zur Erde zu kommen. Deswegen sollst Du zum Jahreswechsel keine Frösche oder Kröten töten, denn es könnte Deine Urgroßmutter sein.

Wer am Silvesterabend einen Schatten ohne Kopf sieht, der stirbt im kommenden Jahr.

Wer Silvester nackend auf den Friedhof geht und Moos von hölzernen Kreuzen sammelt, der wird von der Gicht geheilt.

Schläft das Ehepaar in der Neujahrsnacht auf einem Fell, unter dem die verkohlten Knochen eines Hahnes verstreut wurden, so ist ein Sohn die Folge. Sind’s die verkohlten Knochen einer Henne, so wird’s ein Mädchen …

 
Beitragsbild: Gisela Pfohl, aus ‘Geister, Trolle, Totenköpfe’, Verlag Iris Förster

Zwölf wilde Nächte Vol. 7

Winterjohannis

Der 27. Dezember wurde früher als ‚Dritter Weihnachtstag‘ bezeichnet. Nach antiker Zeitrechnung fiel die Wintersonnwende auf die Nacht vom 25. auf den 26. Dezember, weshalb, in Anlehnung  an den Spruch im Johannesevangelium „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Joh 3,30) dieser Tag Johannes dem Apostel und Evangelisten geweiht war. Bis heute hält sich insbesondere in katholischen Landesteilen der Brauch des Johannissegens. In den Gottesdiensten wird Wein geweiht und den Gläubigen gereicht, in Angedenken an die Sage, dass Johannes mittels eines Bechers vergifteten Weins ermordet werden sollte, den Trunk aber durch ein Kreuzzeichen auf dem Becher zur Verwunderung aller Ungläubigen unschädlich gemacht hatte. Der gesegnete Johanniswein wurde früher zu Hause in den weihnachtlich geschmückten Wohnstuben getrunken, Gäste wurden mit diesem besonderen Wein bewirtet, und auch das Vieh bekam einige Tropfen ab. Sogar Brunnen wurde in manchen Orten mit etwas Johanniswein gegen Ungeziefer geschützt. Was übrig blieb wurde für besondere Fälle, wie Krankheit oder auch Familienfeste, für das kommende Jahr zur Seite gestellt.

Hat der Evangelist Johannes Eis, dann macht es auch der Täufer heiß.

In den Weihnachtstagen sollen bei Gutenberg auf der Alb, bei einem abgelegenen Hinterweiler an der Weißen Lauter, häufig Irrlichter zu sehen sein. Wanderer, die um Mitternacht dort vorbeikommen, werden von diesen Irrlichtern auf falsche Pfade geführt.

In der Adventszeit berichtete man früher am Hohenstaufen von einem besonderen Spuk. Am Abend, wenn die Betglocken der Kirchen läuteten, tauchten geheimnisvolle Lichter auf, ‚Scheinelichter‘ hat man sie genannt. Um Hohenrechberg und auch bei Staufeneck hat man sie des öfteren in den Weihnachtstagen gesehen. Unweit von Wäschenbeuren liegt eine Felsgruppe, die Spielburg genannt. Dort traten die Lichter besonders häufig auf, weshalb man den Ort auch ‚Tanzplatz‘ nannte. Einen auffälligen Ring aus fettem Gras konnte man dort erkennen. Das war der Kreis, in dem die Geister tanzten. Freundlich sollen sie gewesen sein, diese Geister, und niemand haben sie etwas zuleide getan. Seitdem dort aber ein Steinbruch angelegt wurde, hat man die Geister nie mehr gesehen.

 

Raunächte – Geschichten zwischen den Jahren
Stadtführung zu Mythen, Geschichten und Aberglaube in den ‘Zwölften’
Sonntag 27.12.2015 15:30 Uhr
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Beitragsbild: Gisela Pfohl, aus ‘Geister, Trolle, Totenköpfe’, Verlag Iris Förster

 

Zwölf wilde Nächte Vol. 6

Der Stephanstag

Der 2. Weihnachtstag am 26. Dezember ist der Festtag des Heiligen Stephanus, der um das Jahr 40 wegen seines Glaubens eines gewaltsamen Todes starb und so zum ersten Märtyrer des Christentums überhaupt wurde. Es wurde gesungen, getanzt und gezecht. Bäuerliche Feste wie Sichel- und Schlegelhengetse wurden gefeiert.

Es war traditionell der Tag der jungen Männer. Die ledigen Burschen ritten in die umliegenden Dörfer. Oftmals mussten bestimmte Entfernungen zurückgelegt werden, es ging über drei oder mehr Markungsgrenzen. Hatten die ‚Stefansreiter‘ das geschafft, so wurden sie in den Gasthäusern mit einem Festmahl empfangen. Und wenn man dann als junger Mann eh‘ schon in der Nachbarschaft unterwegs war, dann nutzte man das gleich zum Anbandeln. Man brachte einen Kuchen oder auch eine Brezel bei der Herzallerliebsten vorbei. Als Belohnung durfte man dann, in der prüden, konservativen Zeit eine Besonderheit, am Stephanstag zusammen ins Wirtshaus gehen. Unter strenger Beobachtung der Erwachsenen natürlich. Und wem das Geld für die Brezel fehlte, der malte einfach eine mit Kreide ans Scheunentor, als Einladung zum Wirtshausgang reichte das allemal.

Weil Stephanus unter anderem auch der Schutzheilige der Pferde ist, wurde denen an diesem Tag besondere Aufmerksamkeit zuteil und sie wurden in seinem Namen gesegnet. Am Stephanstag wechselten die Pferdeknechte ihren Arbeitgeber. Es ist der einzige Tag in den Zwölften, an dem man die Pferde gefahrlos striegeln konnte. An den anderen Tagen, so glaubte man, striegelte man Läuse in sie hinein.

Am Stephanstag werden in Backnang die Pferde ausgeritten und zwar so schnell als möglich. So kann man sie vor Hexen bewahren.

Am Stephanstag geerntete Hagenbutten helfen besonders gut gegen Seitenstechen und Magenbeschwerden.

Weht am Stephanstag ein starker Wind, so wirft man einige Handvoll Mehl in den Sturm und bittet, dass einem im kommenden Jahr kein Unwetter die Ernte verhagelt.

Kinder zogen singend von Haus zu Haus und baten um Geschenke, auch steckten sie für die Pferde des Woden etwas Hafer in ihre Schuhe und stellten diese vor die Türe – beide Bräuche sind später auf den 6. Januar übergegangen.

Ein Bauer in Waiblingen hörte einmal von der Geschichte, dass in der Christnacht die Tiere zueinander mit menschlicher Stimme sprechen könnten. Da ging er am Heiligen Abend nicht in den Gottesdienst, sondern schlich sich in den Stall. Als die Glocke der Nikolauskirche zwölf Uhr schlug, da hörte er die Pferde miteinander reden: „Du musst unseren Bauern am Stephanstag fahren, denn du bist das stärkere.“ „Nein,“ sprach das andere Pferd, „das musst du machen, denn Du bist das größere von uns beiden.“ Sie stritten und wurden längere Zeit nicht einig. Endlich sagten sie zueinander: „Jedes soll recht haben, wir werden ihn gemeinsam fahren.“ Dann wurde es still im Stall. Und was meint Ihr, was am nächsten Tag geschah? Der Bauer starb und seine beiden Pferde zogen das Fuhrwerk mit seinem Sarg am Stephanstag zusammen zum Friedhof…

 

Raunächte – Geschichten zwischen den Jahren
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Sonntag 27.12.2015 15:30 Uhr
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Beitragsbild: Gisela Pfohl, aus ‚Geister, Trolle, Totenköpfe‘, Verlag Iris Förster

Zwölf wilde Nächte Vol. 5

Der Weihnachtstag

Der 1. Weihnachtstag, auch „Stiller Tag“ genannt, wurde früher ganz im Kreise der Familie begangen. Das Haus verließ man nur zum Kirchgang. Auch der Besuch in einem Gasthaus war unüblich. Das kirchliche Arbeitsverbot griff an diesem höchsten aller weihnachtlichen Feiertage besonders stark.

Ein armes Bäuerlein hatte am Weihnachtstag morgens im Walde Holz gestohlen und trug es auf dem Rücken nach Hause. Da begegnete er dem Pfarrer. Dieser rief ihm zu: „Ja Frieder, wo kommst her? Weißt du nicht, dass heute Weihnachtstag ist? Unser Herrgott wird dich schon dafür strafen.“ Erschrocken leugnete der Frieder, dass er den Feiertag entweiht habe und verschwor sich hoch und teuer: „Hätt i’s gmacht, so dät i glei uf’n Mond fliaga“. Auf der Stelle wurde der arme Frieder in den Mond versetzt. Dort muss er bis heute zur Strafe geschmolzenes Eisen essen. Und wenn am Weihnachtstag jemand arbeitet, so warnt man ihn seither mit den Worten: Gib acht, sonscht kommsch au ‚en Mond …
Brauchtum und Aberglaube am Weihnachtstag:

Wenn am ersten Weihnachtstag die Sonne scheint, bedeutet es ein glückliches neues Jahr.

Wer an Weihnachten viel isst, dem geht es im folgenden Jahr gut.

Wer am Weihnachtstag seinen Schatten doppelt sieht, stirbt im kommenden Jahr oder braucht noch im Januar eine Brille…
Vor langer Zeit verirrte sich einmal am Weihnachtstag bei Einbruch der Nacht ein braver Bürgersmann im Felde um Dillingen. Schneegestöber hatte den Weg fast zugeweht und es war bitter kalt. Öfters war der arme Wanderer daran, in übergroßer Erschöpfung niederzusinken und den Tod zu erwarten, der ihn gewiss bald ereilt hätte. Nur der Gedanke an seine Frau, seine Kinder und deren trauriges Schicksal ohne ihn hielt ihn aufrecht. Doch wie oft er sich auch zu neuen Anstrengungen ermannte, er konnte den Weg nicht mehr finden. Es wurde immer finsterer und es blieb ihm keine andere Aussicht als das Vertrauen auf Gott. Er fiel auf die Knie und betete inbrünstig zu dem, ohne dessen Wille keine Schneeflocke vom Himmel fällt. Und wie er noch kniete und betete, da vernahm er deutlich aus weiter Ferne den Klang einer Glocke. Mit letzter Kraft erhob er sich und wankte dem Geläut entgegen, das er immer vor sich hörte. Endlich verstummte der Ton, doch da sah er seine Stadt vor sich liegen. Warm schimmerten die Lichter aus den Wohnzimmern und bald saß er wohlbehalten im Kreise seiner Lieben, die schon lange angstvoll auf ihn gewartet hatten. Groß war das Erstaunen des auf wundersame Weise geretteten, als er erfuhr, dass niemand in Dillingen eine Glocke geläutet und auch niemand sonst das Glockengeläut gehört hatte. Nach vielen Jahren, als er zu Vermögen gekommen war, machte der Bürgersmann eine Stiftung, damit zur Winterszeit täglich früh am Morgen und spät am Abend mit einer Glocke verirrten Wanderern ein Zeichen gegeben werden sollte. Man nannte das Geläut das ‚Neunuhr-‚ oder auch das ‚Lumpenglöcklein‘.

Christkendele, Christkendele,
komm zu uns herei!
Mir hend a frischs Heubündele
ond au a guats Gläsle Wei‘.
A Bündele fürs Esele,
fürs Kendele a Gläsele,
ond beda kennet mir au!

Raunächte – Geschichten zwischen den Jahren
Stadtführung zu Mythen, Geschichten und Aberglaube in den ‚Zwölften‘
Sonntag 27.12.2015 15:30 Uhr
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Beitragsbild: Gisela Pfohl, aus ‚Geister, Trolle, Totenköpfe‘, Verlag Iris Förster